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DEU, Duesseldorf, 22.10.2014, Stephan Fanderl, 51, neuer Geschaeftsfuehrer des Karstadt-Konzerns, Hyatt im Medienhafen

„Es fühlt sich noch immer wie ein Start-up an.“ Interview mit Dr. Stephan Fanderl bei der NOAH Konferenz 2017

SIGNA Retail

Die Axel Springer NOAH Konferenz Berlin, die heuer am 22. Juni im Berliner Tempodrom stattfand, ist das führende Branchen-Event der europäischen Internet- und Digitalwirtschaft. Die Konferenz bietet Unternehmern, Investoren und Multiplikatoren eine Plattform zum Austausch und Netzwerken. Bei über 180 Vorträgen und Diskussionen rund um das Thema Digitalisierung trafen disruptive Herausforderer auf etablierte Marktführer aus den verschiedensten Industrien aufeinander.

Dr. Stephan Fanderl, Geschäftsführer von Karstadt und SIGNA Retail sprach in folgendem Interview über die erfolgreiche Restrukturierung von Karstadt und die erst kürzlich erfolgten nächsten entscheidenden Schritte im Ausbau der Digitalisierung von SIGNA Retail durch die Übernahmen von hood.de und MYBESTBRANDS.

SIGNA: In den letzten Monaten hat SIGNA Retail viele Akquisitionen in der Digitalbranche getätigt. Können Sie mir mehr von Ihrer digitalen Strategie erzählen?

Fanderl: Wir sind mit SIGNA Retail in diesem Geschäft vor drei Jahren gestartet und es fühlt sich immer noch wie ein Start-up an. Wir haben in den letzten Jahren die Einzelhandelsbereiche einschließlich der Premium-Gruppe mit der KaDeWe-Gruppe, der Kaufhaus-Gruppe mit Karstadt, der SIGNA Sports Group und der Food & Restaurants Group aufgebaut. Wir haben angefangen, Plattformen mit einem skalierbaren und effizienten virtuellen Marktplatz zu errichten. Einer der neuesten Käufe ist hood.de, das über eine enorme Markttechnologie verfügt und auf dem deutschen Markt online mit mehr als 5 Millionen Artikeln und 7 Millionen Kunden erfolgreich präsent ist. Die große Chance für uns war es, eine Technologie nutzen zu können, mit der wir alle unsere Partner und Sortimente online auf die richtige Plattform bringen können. Ryan Hood, der Gründer, ist weiterhin im Geschäft bei uns und bleibt ein Aktionär wie all die anderen Online-Unternehmer, die sich in den letzten fünfzehn Monaten mit SIGNA Retail zusammengetan haben. Wir haben beschlossen, in jedem Geschäftsfeld, das wir aufbauen, weiterhin auf die gleichen Plattformmodelle zu setzen.

SIGNA: Die jüngste Karstadt-Geschichte ist beeindruckend. Sie haben das Ruder herumgerissen. Wie war das möglich – oder anders ausgedrückt: Was ist in der Vergangenheit geschehen, dass es zur dieser Situation gekommen ist?

Fanderl: Wer aus Deutschland kommt, hat Karstadt in der Vergangenheit wahrscheinlich eher mit Problemen als mit Lösungen assoziiert. Was wir dann getan haben, war das stationäre Geschäft auf eine radikal neue Art und Weise zu führen. Stellen Sie sich vor: Binnen 18 Monaten haben wir 5 Managementebenen aus dem Geschäft entfernt. Weiters haben wir das Personal um 3.000 Mitarbeiter reduziert, unsere Kostenstruktur optimiert und mit der Umsetzung von Warenkategorien begonnen. Das Leitprinzip war, dass man nicht dafür berühmt sein sollte, eine Million Artikel anzubieten, wohl aber für 20 bis 30 Kategorien, die man auf einer Spitzen- Verkaufsplattform anbieten kann.

SIGNA: Beratungsintensive Kategorien schneiden besser ab als Massenware?

Fanderl: Das kommt darauf an. Wir sind auch dahingehend effektiver geworden, wie viele Verkäufe unsere Leute tatsächlich auf der Verkaufsfläche tätigen. Wir haben auf der Verkaufsfläche Anreizsysteme für jeden Euro des gemachten Umsatzes geschaffen. Es ist immer der Verkäufer, der davon profitiert. Aus diesem Grund instruieren und schulen wir unsere Belegschaft, auch mit den Sortimenten zu arbeiten, die nicht physisch vor Ort sind, sondern die wir auf Plattformen wie hood.de zur Verfügung stellen können.

SIGNA: Normalerweise befindet sich das Karstadt Warenhaus direkt im Stadtzentrum. Dies ist wohl nicht die kostengünstigste Art, Geschäfte zu machen.

Fanderl: Nur stationären Handel zu haben, ist auch nicht der richtige Weg um zu wachsen. Im Umstrukturierungsprozess haben wir das Logistik-Team in jedem bestehenden Geschäft getrennt, sodass die 79 verbleibenden Warenhäuser zwölf oder dreizehn Stunden am Tag verkaufen können, die Abholung aus dem Geschäft jedoch 24 Stunden am Tag unabhängig von den Öffnungszeiten möglich ist. Das ist ein ziemlich großer Einsatz auf dem Weg vom stationären Geschäft zu einer Omni-Channel-Zukunft.

SIGNA: Wie ich gehört habe, haben Sie jetzt Touchpads in den Karstadt- Filialen. Kann ich mit diesen Touchpads in Ihren Geschäften bereits ein Fahrrad bei internetstores bestellen?

Fanderl: Sie müssen noch ein wenig Geduld haben. internetstores – das sich fantastisch entwickelt hat – ist grundsätzlich der zentrale Marktplatz der SIGNA Sports Group, und wir haben derzeit die ersten sieben Karstadt-Sportgeschäfte mit Shop-in-Shop- Lösungen von internetstores oder fahrrad.de ausgestattet.

Die Frage für uns ist, wie schnell wir lernen können, alles von Online nach Offline zu bringen und umgekehrt. Das ist das klare Ziel, das wir in jedem Geschäftsbereich verfolgen. Stellen Sie sich das einmal vor, wir haben innerhalb von SIGNA Retail pro Jahr 350 Millionen Besucher in den 125 Filialen. Wir arbeiten mit Reinvestitionsraten von über 30 % und wir bieten alles in den Geschäften an, die im Zentrum jeder einzelnen Stadt sind – ob dies nun unsere eigenen Unternehmen oder unsere potentiellen Partner sind.

SIGNA: Vor einiger Zeit hat Amazon Whole Foods gekauft. Das Omni- Channel-Geschäft ist offensichtlich omni-präsent.

Fanderl: Wir haben gesehen, was mit der Walmart-Aktie nach diesem Deal passiert ist. Ich bin seit fast fünf Jahren bei dieser Firma, und es gab immer die bange Frage: „Wann kommt Amazon in den Lebensmittelbereich?“ Jetzt ist es schließlich passiert. Wenn wir unsere Warengruppen ansehen, so sind mittlerweile rund 25 % des gesamten Marktvolumens online – im Lebensmittelbereich sind es vielleicht eineinhalb bis zwei Prozent. Aber es wird sehr schnell mehr. Wir haben auch eine eigene, sehr attraktive Lebensmittel- und Restaurantsparte, und nach Marktanteil sind wir der bestverkaufendste Supermarkt für Wein und Spirituosen in ganz Deutschland.

SIGNA: Das ist eine Ihrer 40 Spitzenkategorien?

Fanderl: Genau, und natürlich wird jetzt begonnen, die Shop-Lösungen für einen Teil ihrer Ware vorzubereiten. Die Geschwindigkeit mit der wir Shop-Angebote entwickeln, nimmt immer weiter zu. Wir haben vor drei Jahren bei null angefangen und haben jetzt – zusätzlich zu den 125 Filialen – 70 Online-Präsenzen, auf denen wir verkaufen. Insgesamt sind es 4 Millionen Transaktionen pro Jahr und 50 Millionen Kundenbesuche zusammen mit unseren Offline-Angeboten pro Monat.

SIGNA: Man kann also sagen, dass Sie der erste Hybridhändler in Deutschland sind.

Fanderl: Was das wirklich Schöne an uns ist: Wir haben ein paar Firmen erworben, aber wir sind kein Leviathan. Wir halten die Gründer im Geschäft. Sie sind immer noch Anteilseigner und sie kommen zu uns, weil sie überzeugt sind, dass wir der richtige Inkubator für die nächste Stufe sind.
Und natürlich betreiben wir Geschäftseinheiten wie Karstadt mit 15.000 Mitarbeitern, aber binden die Eigentümer und Aktionäre voll ein.